Im Herzen Südtirols

Es ist gefühlt eine halbe Ewigkeit her, dass ich in Meran war. Früher war ich mit meiner Familie sogar jedes Jahr zu Ostern eine Woche in der wunderhübschen Kurstadt. Wir haben jedes Mal aufs Neue tolle Tage dort erlebt: Ob Stadterkundungen, Spaziergänge an den Promenaden zum Aussicht-Genießen oder Bergwanderungen zum Höhenluft-Schnuppern auf Meran 2000 oder Dorf Tirol – auch wenn man bei der ein oder anderen Wanderung eventuell geflucht hat, sind es doch schöne Erinnerungen, an die ich immer wieder gerne zurückdenke. Umso größer war meine Verwunderung, warum ich schon so lange nicht mehr dort war. 

Ein sehr guter Freund der Familie ist damals in Meran aufgewachsen. Sein Elternhaus hat er zur Ferienwohnung umfunktioniert und vermietet sie seitdem. Jahrelang haben wir diesen Vorzug genossen – und jetzt, wo er sich dazu entschieden hat, die Wohnung zu verkaufen, hat er uns doch tatsächlich angeboten noch einmal eine Woche dort zu verbringen – und das ohne jegliche Kosten! Da haben wir nicht lange gezögert… und so machen wir uns nun seit langem mal wieder auf dem Weg Richtung Süden. 

Die Ferienwohnung in Meran von außen. 

Der Turm im See 

Wir fahren ganz Maut- und Vignettenfrei erst Richtung München und dann auf der A95 zum Fernpass über den Reschenpass nach Meran. Auf dieser Strecke gehörte schon immer die Fahrt vorbei an der Allianz Arena zu einem meiner persönlichen Highlights. Das zweite Highlight ist dann der Augenblick, an dem sich die ganze Pracht der Alpen vor einem förmlich auftürmt. Das folgende Bild ist eigentlich nichts außergewöhnliches. Doch die Stimmung und die Atmosphäre, die es transportiert sowie die Erinnerungen, die ich damit automatisch verbinde, ist nur ein Grund warum das erste Bild, das ich in diesem Südtirol-Urlaub geschossen habe, auch eines meiner absoluten Lieblingsbilder ist… 

 Auf dem Weg Richtung Süden auf der A95. 

Alle guten Dinge sind ja bekanntlich drei. Als drittes Highlight entpuppt sich der kleine Ausflug zum Reschensee (Lago di Resia), genauer gesagt zum Turm im See. Von unseren früheren Fahrten in den Süden, kenne ich das Kirchlein bereits. Dieses Mal will ich ebenfalls vorbeifahren – um selbstverständlich auch ein schönes Bild zu schießen. Da wir uns jedoch ein wenig mit der Zeit verschätzt haben, wird es immer dunkler und dunkler. Meine Hoffnung noch ein schönes Bild zu ergattern, schwinden von Minute zu Minute.  
Doch die Dämmerung stellt sich allerdings sogar als echter Glücksfall heraus! Ich habe tausend Bilder gemacht, die am Ende alle gleich aussehen und doch kann ich mich nicht entscheiden, welches letztendlich das Schönste ist! 

Das Wahrzeichen des Vinschgau, der Turm im Reschensee
ist märchenhaft und faszinierend zugleich und begeistert mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich dort bin. Einsam ragt ein versunkener Kirchturm aus dem See. Und die, die die Geschichte dahinter nicht kennen, werden sich jetzt fragen: Warum? Die Geschichte hinter dem bekannten Postkartenmotiv ist weniger idyllisch: Das romanische Kirchlein aus dem 14. Jahrhundert ist stummer Zeitzeuge einer verantwortungslosen See-Stauung kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Großkonzern „Montecatini“ reichte damals ein Projekt ein, den Reschen- und Graunersee um 22 Meter zu stauen. Die Bevölkerung von Reschen und Graun wurde dabei völlig übergangen. 
Im Sommer 1950 war es dann soweit. Die Schleusen wurden geschlossen und der Reschensee gestaut. 677 Hektar Grund und Boden wurden überflutet, beinahe 150 Familien wurden ihrer Existenz beraubt, und die Hälfte davon zur Auswanderung gezwungen.
Heute steht der Turm im Reschensee unter Denkmalschutz und ist Wahrzeichen der Gemeinde Graun.

Erster Tag ohne WLAN

Am frühen Abend kommen wir in Meran an. Es fühlt sich ein wenig an wie Heimkommen, so oft waren wir hier schon im Urlaub. Da unsere Stammkneipe Hanni direkt nebenan allerdings Samstags ihr Restaurant geschlossen und nur Barbetrieb hat, lassen wir uns Stelvio (4. Novemberstraße 66) empfehlen – und ich kann sagen die Pizzen sind erste Sahne! 

Übrigens: Das beste an unserer Unterkunft ist, dass wir hier wie im Steinzeitalter kein WLAN haben. So haben wir (gezwungenermaßen) wieder mal ganz viel Zeit uns auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu konzentrieren; und das hat rückblickend richtig gut getan!

Einkaufen: Wein darf natürlich nicht fehlen!  

Was macht man an einem Sonntag? Natürlich, wir gehen erstmal Einkaufen! Denn ohne Wein geht nichts – wenn es nach meinem Papa geht (Grüße an dich, wenn du das hier liest). Wir besorgen erst einmal die wichtigsten Sachen für die ersten Tage, um dann anschließend denn sonnigen Sonntag bei angenehmen Temperaturen in der Altstadt von Meran zu genießen. 
Die historische Kurstadt an der Passer ist geprägt von ausgedehnten Parks und grünen Promenaden (zumindest im Sommer), von botanischen Gärten und zahlreichen Wasserläufen. Und von überall sieht man die schneebedeckten Gipfel der Gletscher am Horizont der Palmen entlang der Passerpromenade thronen. 

Am Passeirertor an der Meraner Stadtmauer suchen wir uns ein sonniges Plätzchen, sehen dem Treiben zu und genießen dazu einen Cappuccino und eine besondere Südtiroler Spezialität: eine Kastanientorte! Bisher wusste ich noch gar nicht, dass es soetwas überhaupt gibt und habe mich direkt in diese sündhaft leckere Torte verliebt! Also: Unbedingt einmal selbst probieren, ihr werdet es nicht bereuen.

Das kleine Kirchlein St. Johann in Ranui

Der nächste Tag hält besonderes für uns bereit. Es geht ins hintere Villnößtal (Val die Funes). Genauer gesagt zum Kirchlein St. Johann in Ranui.  Anmutig liegt das barocke Kleinod vor der imposanten Berglandschaft mit der Geislergruppe im Hintergrund. Der Blick vom Ranuikirchlein aus auf die Geisler gilt als einer der schönsten Fernblicke der Dolomiten. Doch als wir dort ankommen, ist alles Vernebelt und es fängt sogar das Schneien an. Geheimnisvoll legt sich der Nebel um das Bergmassiv im Hintergrund und der Schnee tänzelt leise hinab und färbt die grüne Wiese um das Kirchlein herum weiß.  Ich kann mich der Wirkung des barocken Kirchleins mit dem Zwiebelturm kaum entziehen. 

Irgendwann können wir dann doch wieder unsere Blicke von dieser einzigartigen Kulisse lösen und machen uns bergauf, bergab durch Schneegestöber sowie Sonnenschein auf zur nächsten Sehenswürdigkeit. 

Allein am Pragser Wildsee

Der Pragser Wildsee

Als „Perle der Dolomitenseen“ verzaubert der Pragser Wildsee (Lago die Braies)  in Südtirol mit einer großen Palette an Farbnuancen – vor allem im Sommer:  Von smaragdgrün, himmelblau bis zu kristallklar. 


Übrigens: Hier wird die italienische Fernsehsendung mit Terence Hill und weiteren namenhaften Schauspielern „Un passo dal cielo“ gedreht, welche bald auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt werden soll.

Doch es heißt, der Pragser Wildsee ist ganzjährig nicht nur Anziehungspunkt für Touristen, sondern auch für die Einheimischen. Nämlich zur kalten Jahreszeit bietet sich hier des Besuchern ein nicht minder idyllisches Bild: Verschneite Wälder, weiße Bergwipfel und eine dicke Eisschicht auf dem See.
Als wir dort oben im Naturpark Fanes-Sennes-Prags auf 1.469 Meter ankommen, ist es so still, dass es einem das Gefühl gibt, als wäre man allein auf dieser Welt. Verzaubert von dem Anblick, zieht der Wildsee uns regelrecht in seinen Bann und lässt uns völlig die Zeit vergessen. Eine einzigartige Winterlandschaft breitet sich vor uns aus und umhüllt diesen besonderen Ort mit dichtem Schneetreiben. In Worte lässt sich es gar nicht ausdrücken, wie beeindruckt ich von dieser atemberaubenden Landschaft bin – wer noch nicht dort war, sollte es definitiv auf die Liste bei seinem nächsten Italienurlaub schreiben!

In der Sagenwelt spielt der See eine wichtige Rolle, denn mit einem Boot konnte man angeblich das unterirdische Reich der Fanes erreichen. Das Tor zur Unterwelt befand sich am Südende des Sees, wo heute der imposante Seekofel (2.810 m ü.d.M.) den Pragser Wildsee überragt.

Schneetour über Meran 2000 nach Bozen

An unserem dritten Tag in Meran machen wir eine gemütliche Tour durch die Bergdörfer Südtirols. Angefangen bei Schenna, fahren wir weiter über Hafling, Avelengo, Vöran, Mölten, Flaas und schließlich Jenesien. Letzteres begeistert mit einen einmaligen Dolomitenpanorama! 

Nach dieser „anstregenden“ Tour, verschlägt es uns in die Batzen Bräu, das Stadtbrauhaus im Zentrum von Bozen (Andreas-Hofer-Straße 30). Das Essen haben wir uns eigentlich nicht verdient, wir lassen es uns selbstverständlich trotzdem schmecken – typisch regionale Küche in einem richtig urigem Wirtshaus!  Übrigens: Das Batzenhäusl ist eines der ältesten Gasthäuser in Bozen. Seit 1953 steht es unter Denkmalschutz.

Der Vernagt-Stausee 

Am Mittwoch verschlägt es uns mal in die andere Richtung von Meran. Unser heutiges Ziel: das Schnalstal (Val Senales). Im Schnalser Talschluss, an der Grenze zwischen Österreich und Italien, auf 1689 Meter Höhe liegt der Vernagt-Stausee (Lago di Vernago). 
Hier liegt auf der Schattenseite noch so viel Schnee, dass die Wanderung zur Hängebrücke am Vernagtsee zu einem echten Abenteuer für mich wurde. Doch die Aussicht belohnt jegliche Strapazen!


Zwei Dörfer, eine Geschichte. Während der romanische Kirchturm vom einstigen Alt-Graun weithin sichtbar aus dem Reschensee ragt, liegt der Turm des Leiterkirchls von Vernagt meist verborgen in den Fluten des Vernagter Stausees. 1957, sieben Jahre nachdem im oberen Vinschgau die Dörfer Graun und Reschen und mit ihnen 163 Häuser dem Projekt Stausee zum Opfer fielen, wurde auch die Vernagter Au geflutet.

Aus dem Schnalser Bach stammt auch unser Stein, den wir mit nach Hause genommen haben – alte Tradition von meinem Vater: Aus jedem Fluss, an dem wir waren, muss ein Stein als Erinnerung mit nach Hause, der dann im Garten einen besonderen Platz bekommt (zur Freude meiner Mutter). 

Der Blick von der Staumauer hinunter auf das Dorf „Unser Frau“ mit der Wallfahrtskirche. 

Mit dem Rad auf 1.400 Höhenmeter

Zum Schluss unseres Urlaubs entschließen wir uns dann doch noch die Räder auszupacken. Am Donnerstag steht zuerst eine Tour zu einem altbekannten Ort an: auf den Hirzer zum Gustl. Bereits vor ein paar Jahren wagten mein Papa und mein Bruder den Versuch hinauf. Knapp 1.000 Höhenmeter auf zehn Kilometer Serpentinen führen hinauf nach Prenn, zum Berggasthof Sterneck.  
Bei unserem Glück – wie sollte es anders sein – hatte unser Gustl genau an diesem Tag Ruhetag. So frech wie wir sind, rufen wir dort an; tatsächlich geht er ans Telefon: „Kommt vorbei! Ich bin den ganzen Tag da.“

Und tatsächlich: als wir dort oben nach 2,5 Stunden ankamen (mit gefühlt 1.547 Pausen) ist der Ofen angeschürt und der Tisch bereits gedeckt. Der gute Gustl bereitete auch extra für uns Bratkartoffeln mit Speck und einen unglaublich leckeren Kaiserschmarrn mit einem Eimer Preiselbeeren. 

Fun Fact: auf dem Weg zurück ins Tal bleiben wir an einer Kehre stehen, um den Ausblick zu genießen und kommen auf die glorreiche Idee ein Selfie zu schießen – MIT dem Ausblick im Hintergrund! Das stellt sich als solch eine Herausforderung heraus, dass wir uns dabei so verrenken müssen. Als wir bemerken, dass uns ein Schornsteinfeger auf dem Dach eines in der Nähe stehenden Hofes amüsiert beobachtet, fragt er uns auch schon, ob er nicht vielleicht ein Bild von uns machen soll. 
Gesagt, getan. Jetzt sind wir stolze Besitzer eines Fotos von uns MIT Ausblick ins Tal UND von einem Schornsteinfeger geschossen! Wer kann sowas schon von sich behaupten? 

Am Tag darauf wählen wir eine kleinere Tour: Schloss Tirol. Von unserer Unterkunft in Meran können wir sogar schon das Schloss sehen. Die Serpentinenstraße hinauf, vorbei am Schloss Thurnstein und St. Peter, liegt unser Ziel. Oben angekommen, müssen wir allerdings feststellen, dass Eintritt verlangt wird – wir genießen somit nur kurz die Aussicht von einem nahe gelegenen Aussichtspunkt vor dem Schloss. Ein richtig entspannter letzter Tag, mit einem traumhaften Blick auf Meran

Meraner Weihnacht 

Den letzten Abend lassen wir gemütlich auf dem erst kürzlich eröffneten Weihnachtsmarkt an der Promenade in Meran ausklingen. Zwischen den prall mit Handwerkskunst, Weihnachtsdeko und anderen Geschenkideen gefüllten Markthäuschen schlendern wir herum und wärmen uns am heißem Apfelpunsch mit Zimt die Hände. 
Die Auswahl an Glas- und Keramikwaren, kunstvollen Webarbeiten, Spielsachen und Skulpturen aus Holz, Wollmützen und warmen Pantoffeln, typischem Gebäck, Keksen und anderen Köstlichkeiten ist riesengroß.  Neben den romantisch beleuchteten Markthäuschen gibt es zudem auf dem Thermenplatz eine Eröffnungshow auf der Eiskunstlaufbahn des örtlichen Sportclubs. Das i-Tüpfelchen: Live-Bands sorgen für eine einzigartige, stimmungsvolle Atmosphäre. 

Der Blick in die Meraner Lauben.

Der Abend auf dem Weihnachtsmarkt sorgte für den gebührenden Abschluss, den dieser Urlaub verdient hat. Diese sieben Tage ohne Internet, ohne einen Gedanken an die Arbeit, vollster Entspannung, einzigartiger Momente und Landschaften machten diesen Urlaub wieder einmal unvergesslich und gaben mir die Möglichkeit, sich wieder voll auf mich zu konzentrieren und sich daran zu erinnern, worauf es im Leben wirklich ankommt…

Zudem durfte ich Südtirol auch einmal von einer anderen Seite kennen lernen. Sonst sind wir immer nur im Frühjahr, wenn alles blüht und bunt leuchtet, oder im Winter, wenn alles mit Schnee bedeckt ist, dort. Diese Landschaft nun in dieser Übergangsphase neu zu entdecken, war einzigartig! 

4 Kommentare

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