Silvester in der Goldenen Stadt // Teil III

Wir steigen aus dem Taxi – Zwischen der Brücke der Legionen und der Jirásek Brücke wollen wir mit einer Flasche Pfeffi und einer Flasche Sekt das neue Jahr begießen. Doch wie es ausschaut, sind wir nicht die einzigen mit dieser glorreichen Idee: Menschenmassen tummeln sich wie Ameisen auf den Straßen und durchbrechen mit ihren Stimmen die Geräuschkulisse der Großstadt. Es ist kurz vor 12 Uhr und von überall hören wir bereits Silvesterraketen aufheulen und Böller knallen. Wir können uns noch einen Platz an der Brüstung mit einem exklusiven Blick auf die Moldau, die Brücken und auf die Prager Burg ergattern. Und dann war es auch schon soweit. Die Menschen um uns herum zählen die Sekunden runter, und wir stimmen mit ein: drei, zwei, eins…. 

Die „Nacht“ war kurz. Früh um 8.30 Uhr klingelt der Wecker. Bis 10 Uhr müssen wir geduscht, Koffer gepackt, gefrühstückt und ausgecheckt haben, denn dann wartet der Bus auch schon wieder auf uns! Doch bevor es zurück in die Heimat geht, steht noch etwas Kultur auf dem Programm. Erster Halt: die Prager Burg.

„Ihr dürft euch auf lange Wartezeiten gefasst machen“, hat man mir vor meiner Pragreise gesagt… – Der Bus fährt uns auf den Berg Hradschin direkt vor den Eingang der Prager Burg. An den erst neu eingeführten Sicherheitskontrollen warten schon die Security-Männer auf uns. Innerhalb weniger Minuten, waren alle aus unserer Reisegruppe durch die Kontrollen. „Also was ihr gerade gesehen habt, war ein Witz! Ich habe hier auch schon mal 40 Minuten gewartet“, erzählt unser Reiseleiter Rico.

Wir befinden uns nun in dem circa 45 Hektar großen Areal der Prager Burg. Seit über 1000 Jahren ist sie nicht nur das politische und kulturelle Zentrum der Stadt, sondern auch der Nation. Es heißt, sie sei mit ihren drei Schlosshöfen das größte geschlossene Burgareal der Welt. Inmitten der Prager Burg thront der St.-Veits-Dom, der neben der Karlsbrücke das wohl bekannteste Gebäude der tschechischen Hauptstadt ist. Natürlich ist er auch Anziehungspunkt für unzählige Touristen und ermöglicht einen Blick auf eine bewegte Geschichte, die den Veitsdom im Laufe der Jahrhunderte erst zu dem gemacht hat, was er heute ist. Denn die Bauzeit hat es wahrlich in sich: Fast 600 Jahre dauerte es von der Grundsteinlegung im Jahre 1344 durch Kaiser Karl IV.

Weitere Sehenswürdigkeiten der Prager Burg:
  • Die Zeremonie der Wachablösung der Burgwache im Ehrenhof um 12 Uhr
  • die romanische St.-Georgs-Basilika mit den Türmen Adam und Eva
  • der gotische Wladislaw-Saal im innersten Burghof
  • die barocke Heilig-Kreuz-Kapelle, die einst den Domschatz beherbergte, im zweiten Burghof
  • der Obelisk zum Gedenken an die Opfer im Ersten Weltkrieg neben dem St.-Veits-Dom im ersten Burghof
  • die Wehranlage am nördlichen Rand des Burgareals mit dem Mihulka-Pulverturm (Prašná věž) in Gotik und Renaissance und den gotischen Türmen Weißer Turm und Daliborka
  • das von diesen beiden Türmen eingefasste Goldene Gässchen (Zlatá ulička) mit dem Häuschen aus Gotik und Renaissance, wo 1917 in Haus Nr. 22 vorübergehend Franz Kafka lebte
  • das barocke Matthiastor (Matyášova brána) von 1614 in den zweiten Burghof
  • der barocke Königspalast im zweiten Burghof

Hier spielte sich eine Szene, die ganz Europa verändern sollte, im Mai 1618 ab: Der Statthalter des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Ferdinand II wurde aus dem Fenster geworfen. Dieser Zweite Prager Fenstersturz war der Auslöser für den Dreißigjährigen Krieg. Den Raum im Ludwigsflügel, in dem das Ereignis stattfand, gibt es noch.

Nach einem kurzen Streifzug durch die böhmische Geschichte und die typische Architektur des Landes machen wir uns nun auf den Weg zu einem der überwältigendsten Panoramablicke der Welt.  Bei der „alte Schlossstiege“ (Staré zámecké schody) hat man einen malerischen Ausblick auf die Stadt. Wir lassen unsere Blicke über die Kleinseite, die Moldau und die Altstadt schweifen…

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Nachdem wir uns mit den anderen 567.391 Menschen um einen Platz an der Brüstung gerangelt haben, damit wir zumindest einen kurzen Blick zu erhaschen, gehen wir die unzähligen Stufen über die alte Schlossstiege hinunter in die Stadt. An der Metrostation Malostranská ist unser Treffpunkt für die Führung durch die Kleinseite (Malá Strana). Der lauschige Stadtteil am Fuße des Hradschin lässt die Tour durch eine Vielzahl an Barockgebäuden, zahlreiche Kirchen, Museen und Palais aber vor allem auch verwinkelte Gassen, Gartenanlagen und Treppen zu einem besonderen Erlebnis werden.

Eine echte Kuriosität auf unserer Tour: Das engste Gässchen in Prag!
Zuerst fallen mir nur ein paar Touristen auf, die im Halbrund vor einer Mauer stehen, neugierig gucken und aufgeregt Plaudern. Erst als die Menschen einem Mädchen, das gerade aus der Wand kommt, Platz machen, damit sie vorbei gehen kann, sehe ich es. Zwischen den beiden Häusern ist ein kleiner Spalt mit einer Ampel. Die Gasse soll circa 50 Zentimeter messen, wenn man also ungehindert die Stufen hinauf- oder hinabsteigen möchte, sollte man vorher den Knopf drücken, sodass die Ampel auf grün springt.

Doch unsere Führung hielt noch ein weiteres Phänomen für uns bereit: die John-Lennon-Wall. Die Mauer, gegenüber der französischen Botschaft, ist eine bunte Wand voller Street Art. Sie wirkt auf den ersten Blick wie eine normale urbane Graffitifläche, doch sie hat ihre ganz eigene Geschichte und trägt den Namen von John Lennon, der übrigens Zeit seines Lebens nie in Prag war.

John Lennon war ein Held der tschechischen Jugend. Während des Kommunismus in der damaligen Tschechoslowakei war westliche Musik verboten. Insbesondere die Botschaften Lennons waren den Machthabern eine Bedrohung, denn die von ihm besungene Freiheit wollten sie nicht. Die Jugend hörte diese Musik trotz aller Verbote. Nachdem John Lennon 1980 erschossen worden war, malte jemand eines Nachts Lennons Porträt auf diese Mauer in der Prager Innenstadt sowie einige Zitate seiner Songs: Give peace a chance. Die Zitate und Kritzeleien an der Mauer wachsen täglich und werden auch durch eigene Träume und Wünsche ergänzt.

Einst wurde diese als“ Klagemauer“ bezeichnet, wo Menschen ihre Liebesbotschaft hinterließen. In den 1980er Jahren, nach dem Tod von John Lennon, wurde diese jedoch zu einem Symbol gegen das totalitäre kommunistische Regime. Heute ist die Lennon-Mauer ein Phänomen, das als Attraktion von Touristen aufgesucht wird.

Welche Botschaft würdest du hinterlassen?

 

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Langsam aber sicher schmerzen unsere Füße. Die vielen Fußmärsche der letzten Tage machen sich bemerkbar. Dies nehmen wir zum Anlass, um kurz vor der Heimfahrt noch einmal richtig böhmisch essen zu gehen. Reiseleiter Rico empfiehlt uns ein Restaurant ganz in der Nähe: das Haus zu den drei Geigen (Dům U Tří housliček). Ohne zu überlegen, bestelle ich mir zuerst die typische böhmische Kartoffelsuppe und anschließend Gulasch mit böhmischen Klößen – ein Traum!

Mit vollem Bauch und schmerzenden Füßen haben wir nun unsere letzte Tour vor uns. Spätestens um 18 Uhr müssen wir auf dem Petrín-Berg sein. Denn vor dort wollen wir das traditionelle Neujahrsfeuerwerk anschauen. Zwischen unzähligen Bäumen warten wir gemeinsam mit zahlreichen tschechischen Einwohnern auf das Feuerwerk.

Elf Minuten lang verwandelte sich der Himmel in eine atemberaubende Lichtchoreographie. Mit beeindruckenden Inszenierungen mit gefühlt 3.000 Effekten und wahrscheinlich Millionen von Euros läuteten die Prager mit Pauken und Trompeten das neue Jahr ein. Das Ende markierte ein in Nationalfarben gehaltenes Feuerwerk mit der tschechischen Hymne als musikalische Untermalung.

Einen passenderen Abschluss für unsere Pragreise hätte es nicht geben können…

Ihr fragt euch jetzt aber bestimmt noch, warum Prag nun auch „die goldene Stadt“ genannt wird…
Ich gebe euch einen Tipp: Fahrt selbst nach Prag und bestellt euch einfach mal ein Bier – das gibt es nämlich an jeder Ecke 😉 .

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2 Kommentare

  1. so, so, die goldene Stadt hat ihren Namen also von dem goldfarbenen Pils, und die John Lennon Wall haben wir auch nicht gesehen, Prag ist so schön wie du es beschrieben hast, immer wieder eine Reise wert.

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