Silvester in der Goldenen Stadt // Teil I

Angeblich hat Kaiser Karl IV. damals als Erster Prag als „Die goldene Stadt“ bezeichnet. Aber warum eigentlich? Weil hier so viele Touristen ihr Geld verprassen? Weil die goldenen Dächer in der Sonne so schön funkeln? Oder liegt es an Karel Gotts goldener Stimme? Zusammen mit meinen Pragmitreisenden – Katrin, Miri und Schorsch – habe ich mich auf den Weg in die Moldaumetropole gemacht… und vielleicht habe ich auf unserem Citytrip ja sogar herausgefunden, warum Prag „Die goldene Stadt“ genannt wird.

Freitag, 29. Dezember 2017 – 00:01 Uhr

Während mir schon das erste Bier entgegengestreckt wird, steige ich im schlimmsten Schneegestöber zu Miri und Schorsch ins Auto. Zusammen machen wir uns auf den Weg zu Katrin nach Würzburg. Dort fährt nämlich unser MANGOTours-Bus mit Reiseleiter Rico Richtung Prag.
Doch langweilig kann jeder: Mit 80 km/h schlittern wir über die mit Schnee und Eis bedeckte Autobahn. Schließlich geben wir uns nach 20 Kilometern geschlagen und fahren in Ebelsbach raus. Am Bahnhof laden wir hektisch die Koffer aus. Während der Zug bereits einfährt, höscheln wir zum Ticketautomaten drücken wild irgendwelche Tasten und springen in den Zug. Das Bier haben wir uns jetzt ohne Frage redlich verdient.

Freitag, 29. Dezember 2017 – 02:04 Uhr

Wir vier betreten den Bus. Alles schläft – also holt Schorsch erstmal den Schnaps raus: „Sind ja nicht zum Spaß hier.“ Reiseleiter Rico gesellt sich zu uns, teil Stadtpläne, Informationen über den Ablauf und das Reiseprogramm aus. Währenddessen erklärt er uns alles über die Reise noch einmal ausgiebig bis zu unserem nächsten Halt: Nürnberg. Hier steigt nun Bruce mit seiner Familie ein (circa 14 Leute wohl bemerkt). Der Bus ist nun bis auf den letzten Platz belegt und es geht weiter in die 300 Kilometer entfernte Moldaumetropole.
Um 6 Uhr morgens gibt es nun eine kleine Frühstückspause, ganz idyllisch an einer Autobahntankstelle an der deutsch-tschechischen-Grenze, wo der Kaffee 3 Euro kostet.

Freitag, 29. Dezember 2017 – 08:31 Uhr

Mit dem Kopf an der Scheibe angelehnt, öffne ich die Augen und muss blinzeln – es ist hell draußen. Häuser ziehen vorbei und Menschen laufen auf dem Bürgersteig an mir vorbei: wir sind da! Nach der Frühstückspause hat mich wohl auch die Müdigkeit übermannt, sodass wir schließlich ohne es zu merken Prag erreichten. Pünktlich um 9 Uhr fährt der Bus auf den Parkplatz am Bahnhof – von hier beginnt die City-Tour. Kaum in der Moldaumetropole angekommen, starten wir auch schon mit dem Kulturprogramm.

Der erste Halt auf unserer Stadtführung ist der nur ein paar Meter weiter entfernte Wenzelsplatz (Václavské náměstí) mit der bronzenen Statuengruppe des Hl. Wenzels von Josef Václav Myslbek. Hier vor dem Denkmal, wo wir jetzt stehen, wurde am 28. Oktober 1918 die staatliche Eigenständigkeit der Tschechoslowakei verkündet, verlesen wurde sie damals von Alois Jirásek.

Denkmalsinschrift:
Heiliger Wenzel, Herrscher über die böhmischen Länder,
Du unser Fürst, lasse weder uns noch unsere Nachkommen untergehen.

Nach einem kurzen Stopp laufen wir nun den Wenzelsplatz Richtung Můstek hinunter und biegen nach links in eine unscheinbare Passage (Pasáž Lucerna) ein, von denen es tausende in Prag gibt und jede auch noch gleich ausschaut! Auf den ersten Blick schockiert das Pferd, das hier von der Decke hängt. Bäuchlings sitzt der heilige Wenzel auf den toten Ross. Der Bildhauer David Cerny hat diese Skulptur „horse“ geschaffen. Der bekannte Skandalkünstler hat hier in der Lucerna Passage eine Parodie auf das Monument des heiligen Wenzel, das auf dem bekanntesten Platz der Stadt steht, geschaffen.

Kaum sind wir wieder aus der Pasáž Lucerna draußen, geht es in die Nächste: Pasáž Světozor. Hier macht uns unserer Reiseleiter Rico mit Ovocny Svetozor bekannt. Hier soll es neben leckeren Brötchen die besten Kuchen und Nachspeisen der Stadt geben! Ich sehe mich in dem Laden schon Kuchen mampfen, doch der Zeitplan sieht etwas anderes vor: durch den Park „Františkánská zahrada“ vorbei an der Kirche „Kostel Panny Marie Sněžné“ geht es auf den berühmten Rathausplatz „Staroměstské náměstí“. Tausende Menschen tummeln sich hier am Altstädter Rathaus und begutachten eine der größten Sehenswürdigkeiten: Die astronomischen Aposteluhr  (Staroměstská radnice s orlojem), ein mechanisches Weltwunder!

Jede volle Stunde versammeln sich vor dem Rathaus Hunderte Menschen, um das faszinierende Schauspiel der astronomischen Uhr zu sehen. Zu jeder vollen Stunde zwischen 9 und 22 Uhr erscheinen in den beiden Fenstern die Figuren der zwölf Apostel. Zugleich erwachen an den Seiten des astronomischen Zifferblattes vier Figuren: auf der linken Seite die Allegorie der Eitelkeit neben der Habsucht, auf der rechten Seite der Sensenmann (Allegorie des Todes), der die Sanduhr wendet und dazu mit der Glocke im kleinen Turm über dem Apostelgang klingelt. Neben dem Sensenmann ist der Türke, der die Allegorie der Wollust darstellen soll. Nachdem alle Apostel vorbeigezogen sind, kräht der Hahn oberhalb der Apostelfenster, und die Glocke oben am Turm beginnt die Stunde zu schlagen. Zum Abschluss dreht der Sensenmann das Stundenglas, welches er in seiner linken Hand hält.

Die Uhr kann aber noch viel mehr. Sie zeigt die Altböhmische, Mitteleuropäische, Babylonische Zeit und die Sternzeit. Zugleich sieht man die Position der Himmelskörper einschließlich Sonne und Mond im Bezug zu den Sternbildern des Tierkreiszeichens. Unter der Uhr befindet sich ein Kalendarium, das nicht nur Tage, sondern auch die Namenstage anzeigt.

Nach diesem Spektakel geht es nun endlich zur Karlsbrücke (Karlův most), das Wahrzeichen der goldenen Stadt. Sie zählt zu den ältesten Steinbrücken Europas. Begrenzt von zwei Türmen verbindet die Brücke die Altstadt mit der Kleinseite und ist nur für Fußgänger geöffnet. Ein Muss für unseren Prag-Besuch. Die Sicht über den Fluss und auf die Burg von hier aus einfach atemberaubend.

Zahlreiche Heiligenfiguren säumen die beiden Ränder der Brücke, wie der Heilige Christopherus, der Heilige Joseph oder Johannes der Täufer. Die bekannteste ist aber diejenige des Heiligen Jan Nepomuk, der an dieser Stelle in die Moldau geworfen wurde, wie es heißt. Die Brücke ist so etwas wie ein Freilichtmuseum, auch wenn zahlreiche Figuren mittlerweile nicht mehr als Original zu sehen sind.

Natürlich sind wir nicht die Einzigen, vor allem Tagsüber herrscht hier ein reges Treiben: Musiker spielen Lieder, Händler verkaufen Souvenire und der ein oder andere stoppt um die einzigartige Kulisse für ein typisches Bildschirmhintergrundfoto einzufangen.

Die Karlsbrücke ist der letzte Stop unserer City-Tour. Wir haben ab jetzt noch circa zwei Stunden bis zum Treffpunkt am Bus um endlich ins Hotel zu fahren. Bis dahin nutzen wir selbstverständlich die Zeit sinnvoll: Zuerst gingen wir zu eine der Wechselstuben, die uns wärmstens von Reiseleiter Rico empfohlen wurde, um so unseren ersten Durst stillen zu können. Zwischen Wenzelsplatz und Bahnhof finden wir ein Plätzchen, dass sich im Laufe der Tage noch als unsere Stammkneipe entpuppte: das Meet Beer.

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Dann geht es endlich ins Hotel. Unser Busfahrer chauffiert uns direkt vor die Haustüre, jeder packt sich seinen Koffer und da sich jeder bereits im Bus in die Liste mit Name und Ausweisnummer eingetragen hatte, geht das Einchecken besonders fix. Doch wir sind ja nicht zum Vergnügen in Prag. Nach einer kurzen Verschnaufpause geht es auch schon wieder in die Stadt. Bis zur Führung durch das Jüdische Viertel haben wir noch genügend Zeit für einen kleinen Bummel über den Weihnachtsmarkt auf dem Rathausplatz. Zahlreiche Gerüche steigen uns in die Nase, sodass wir jetzt erst bemerken wie sehr uns der Magen knurrt. In Prag muss man natürlich auch unbedingt mal den Prager Schinken (Pražská šunka) probiert haben! Ein berühmter Kochschinken der böhmischen Küche, der nach Gewicht gezahlt wird.

Mit prall gefüllten Magen schleppen wir uns zum Treffpunkt an der Aposteluhr, die auch bei Nacht ein absoluter Hingucker ist. Die Stimmung und Atmosphäre, die hier von diesem Platz ausgeht, ist unbeschreiblich – man fühlt sich wie Zuhause.

Mit Rico warten wir auf dem mittlerweile nicht mehr so vollem Rathausplatz unterhalb der Aposteluhr auf die anderen Teilnehmer des Jüdischen-Viertel-Rundgangs. Sechs Synagogen, das jüdische Rathaus, der geheimnisvolle Friedhof und ein einzigartiger Genius loci – all das und noch viel mehr gibt es jetzt für uns im jüdischen Viertel (Josefstadt – Josefov) zu entdecken.

Am Ende der luxuriösen Straße Pařížská befindet sich das beeindruckende Gebäude der Altneu-Synagoge. Sie ist die älteste erhaltene Synagoge Europas und ihr Interieur soll äußerst beeindruckend und geheimnisvoll sein. Einer Legende nach ruht hier der berühmte Golem – der Vorgänger von Frankensteins Monster, der angeblich bärenstark war und deshalb die Aufmerksamkeit vieler Könige und Kaiser erregte. Doch wie es mit Reisegruppen immer so ist: keine Zeit, ab zum nächsten Sightseeingpunkt.

Ganz in der Nähe der Altneu-Synagoge befindet sich auch das jüdische Rathaus mit seinem malerischen Turm, dem Symbol des jüdischen Viertels und in der Pinkas-Synagoge befindet sich ein Mahnmal für die Opfer des Holocaust. An den Wänden ist nämlich das längste Epitaph der Welt mit den Namen der Opfer der Shoa zu sehen. Die Maisel-Synagoge, die Klausen-Synagoge und insbesondere die Spanische Synagoge mit ihren herrlichen goldenen Verzierungen sind weitere wunderschöne Beispiele jüdischer Architektur.

Wir biegen in eine unscheinbare und dunkle Gasse ein. In dem Glauben das wir hier zu unserem nächsten Halt kommen, stehen wir allerdings bereits davor. Rico lenkt unsere Blicke an einer Steinmauer entlang hinauf zum Himmel: Aufeinander gestapelte geheimnisvolle Grabsteine, Spiele von Licht und Schatten, das stille Rauschen der Äste und jahrtausendealte Geschichten – das ist es, was wohl den alten jüdischen Friedhof ausmacht, der übrigens einer der größten weltweit ist. Wegen Platzmangels und wegen des jüdischen Brauchs, alte Gräber nicht zu entfernen, wurde der Friedhof mehrmals mit Erde aufgeschüttet, um Platz für neue Gräber zu schaffen. An manchen Stellen liegen hier bis zu zwölf Erdschichten übereinander.

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Nach dem letzten Stop des kleinen Rundgangs durch das jüdische Viertel, treibt es unsere kleine Gruppe in das nächstbeste Restaurant – der Hunger meldet sich mal wieder. Gegenüber vom Frank-Kafka-Denkmal liegt das V Kolkovně, wo wir uns erstmal – wie sollte es anders sein – ein Bier gönnen. Aber auch der Burger und die Haxe sind sehr zu empfehlen! Wir sind eben schon mit einfachen Mittel leicht zufrieden zu stellen, da sind sich die Franken und die Prager wohl nicht ganz so unähnlich. 😉

Und so ist unser erster Tag in der tschechischen Hauptstadt auch schon wieder vorbei. Noch keine 24 Stunden in der Moldaumetropole und schon so viel von dieser wunderschönen Stadt gesehen – ich bin gespannt was die nächsten Tage für uns noch bereithalten…

 

 

„Silvester in der Goldenen Stadt // Teil II“  kommt nächsten Sonntag online.

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