Am Kap der Träumenden

Wie versprochen folgt auf die erste Reportage hier Nummer zwei:

Eine Traube von Menschen tummelt sich auf der Aussichtsplattform nahe des Strandes. Inmitten der Menschenmenge ist auch eine alte Dame. Seelenruhig, mit dem Körper an das braune Holzgeländer gelehnt, sind ihre geschlossenen Augen auf das weite Meer gerichtet. Die Hektik der Passanten und Touristen um sie herum erreicht sie nicht. Während jeder von der aus Holzpaneelen bestehenden Plattform einen Blick auf das tiefblaue Meer und der Bucht von Palma erhaschen möchte, steht sie bewegungslos und gelassen dort. Ihr graues leicht gewelltes Haar hat sie im Nacken ordentlich zu einem Dutt zusammengebunden, an den Seiten halten große braune Haarspangen die herauszufallenden drohenden Haarsträhnen fest. Trotz ihres leichten Lächelns, das reine Zufriedenheit ausstrahlt, offenbaren ihre markanten Falten im Gesicht die Spuren, die das Leben bei ihr hinterlassen haben. Sie streckt ihren Kopf mit geschlossenen Augen der Sonne entgegen, deren Sonnenstrahlen heute eine angenehme Herbstwärme versprühen. Der Wind fährt sanft durch ihr schwarzes Kleid. Ihre Gedanken schweifen in die Ferne – sie wirkt verloren und doch ist sie vereint – mit Rudi.

Hier, zwischen Cala Gamba und Ca’n Pastilla ist ein einzigartiger Ort. Felsige und fossile Strände, niedrige Felsabsätze und ein breiter Fußweg, der wenige Meter neben dem Meer entlang führt. Es Carnatge ist ein Strandabschnitt in der Nähe von Coll d’en Rabassa mit einer inspirierenden Strandpromenade. Nicht nur das tiefblaue Meer, auf dem vereinzelt Boote ankern, grüne Gräser und der Strand mit seiner felsigen Landschaft, sondern auch die unbebauten Grundstücke, unfertige Bauten, Zweithäuser und Touristenunterkünfte entführen einen in eine zum Teil skurile Welt. Auch der benachbarte Flughafen von Palma Son Sant Joan fasziniert die Passanten. Die startenden und landenden Flugzeuge rauschen über sie hinweg. So dicht, dass der Eindruck erweckt wird, sie fast mit der bloßen Hand berühren zu können. Und doch ein Ort wie im Märchen, der einen verzaubert und an dem die Zeit stillzustehen vermag und einem seine Sorgen vergessen lässt. Ein Ort voller Leben. Inline Skater gleiten elegant über die Steinplatten der Strandpromenade. Die Haare der jungen Mädchen flattern wellenartig im Wind. Radfahrer rollen gemütlich vorwärts und erfreuen sich an dem Panoramaausblick. Hunde tollen vergnügt am Strand herum, während deren Besitzer sich angeregt miteinander unterhalten und die Sonne genießen. Eine Gruppe älterer Herren sitzt oberhalb des Strandes in einer Gruppe auf dunklen Parkbänken, die aus Guss geschmiedet sind. Sie tauschen sich laut auf Spanisch aus, gestikulieren wild und lachen ausgelassen. Nicht weit davon entfernt ist eine Plattform. Ein markanter Punkt am Paseo von Es Carnatge, der das Interesse jedes vorbeigehenden Passanten weckt. Über große, braune Holzpaneelen mit einem halbhohen Holzgeländer an den Seiten erreicht man die Aussichtsplattform. Eine beliebte Stelle für Touristen tolle Erinnerungsfotos zu schießen. Dabei interessiert es die meisten nur, ob sie auf dem Foto auch gut ausschauen. Für andere dagegen bedeutet es eine ganz eigene Welt.

Wie für die Frau in schwarz, die aus der bunten Menge besonders hervor sticht. Sie lässt sich von dem Fotoshooting nicht beeindrucken. Skulpturenartig steht sie zwischen den Touristen, die sich aufgekratzt und durcheinander unterhalten. Gedankenverloren steht die alte Dame auf der Aussichtsplattform. Ihr Name ist Hella Nissen. Sie ist 65 Jahre alt, Mutter von zwei Mädchen und Witwe. Sie kommt gerade vom Friedhof. Jeden Sonntag besucht sie die Grabstätte ihres Ehemanns Rudi. Jeden Sonntag legt sie ihm eine weiße Nelke auf das Grab. Jeden Sonntag kommt sie nach dem Gottesdienst und dem anschließenden Besuch am Grab hier her. Hella und Rudi waren sehr oft hier. Nach Rudis Alzheimer-Diagnose vor zehn Jahren, sind die zwei gebürtigen Dortmunder trotz ihres hohen Alters nach Palma de Mallorca ausgewandert. „Wir sind hier jedes Jahr seit unserer Hochzeit zur Mandelblüte in den Urlaub gefahren,“ siniert sie vor sich hin. Palma ist für sie im Laufe der Jahre zur Heimat geworden. Besonders mit dem Strand Es Carnatge, der nicht weit von ihrem Haus entfernt liegt, verbindet sie sehr schöne Zeiten mit Rudi. Sie waren hier gern sehr oft und sehr lange Spazieren. Vor allem als Rudis Alzheimer-Krankheit immer mehr voranschritt, haben sie hier stundenlang auf einer Parkbank gesessen, dem Sonnenuntergang zugesehen und alle Sorgen für einen Moment vergessen. Bis zum letzten Tag in Rudis Leben hat Hella ihn gepflegt. Sie wusste damals, dass sie sich allmählich an den Gedanken, dass Rudi bald sterben wird, gewöhnen und Abschied nehmen muss. Trotz alledem war der Tag an dem Rudi starb ein großer Schock für Hella. Immer wieder geht sie sehr gerne hier her. Hier fühlt sie sich ihm ganz nahe. Diesen Ort verbindet sie mit Rudi, hier kann sie ihn sehen, fühlen und riechen. Sie schließt nur die Augen und so kann sie ganz nah bei ihm sein. Über 40 Jahre haben sie ihr Leben miteinander verbracht. Nicht nur schöne sondern auch unangenehme und schreckliche Momente haben sie geteilt und zusammen gemeistert. Hella und Rudi – eine Liebe, die über den Tod hinaus geht und in der heutigen Gesellschaft sehr rar geworden ist.

Zwei Jahre ist es her, dass Rudi verstorben ist. Seit zwei Jahren legt Hella jeden Sonntag eine weiße Nelke auf sein Grab. Ihre weiße Nelke als Symbol der ewigen Treue. Gewiss legt sie nächsten Sonntag wieder ihre weiße Nelke auf Rudis Grab. Bis zu dem Tag, an dem Hella wieder mit Rudi vereint ist.

 

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