6 Uhr morgens in Hamburg

Sonntag, 6 Uhr morgens: Ich trete aus meiner Haustüre hinaus in die Hamburger Dunkelheit. Die sonst so stark befahrene Hauptstraße ist um diese Uhrzeit leer, sodass ich problemlos die Straße überqueren und zur hell beleuchteten Bushaltestelle gegenüber laufen kann. Mit einer Frau, die bereits vor mir dar war, warte ich gemeinsam auf den Bus 281, der uns nach Altona bringen wird. 

Der Bus hatte wie immer ein paar Minuten Verspätung. Aufgrund der Uhrzeit erwarte ich eine ruhige Busfahrt – doch kaum sitze ich auf meinem Sitz beginnt ganz das große Kino: „Ihr da mit dem Bier… Bitte aussteigen“, höre ich den Busfahrer sagen. Plötzlich erreicht auch mich die Bierduftwolke. Die zwei Männer mit den Bierflaschen in der Hand fühlen sich erst gar nicht angesprochen. Immerhin ihre weibliche Begleitung begreift die Situation. Lallend versucht sie ihren Kerlen verständlich zu machen, dass sie den Bus jetzt verlassen müssen. Mürrisch folgen sie ihr vor zum Busfahrer. „Können sie uns wenigstens den Weg erklären?“, fragt sie den Busfahrer. „Wo wollen sie denn hin?“, entgegnete er ihr. „Fischmarkt“ „Das ist viel zu weit zum Laufen“… woraufhin die Frau antwortet: „Was machen wir jetzt?“. Der Busfahrer erklärte, dass die Bierflaschen draußen bleiben müssen und er sie bis zur Endstation Altona mitnehmen könne. Daraufhin stellen sie Herrschaften das Bier ab und setzten sich wieder auf ihren Platz. Zusammen lästern sie noch kurz über den Busfahrer ab, doch dann war die Sache auch schon wieder vergessen.
An den nächsten Haltestellen steigen immer wieder Leute dazu, die die gleiche Frage an den armen Busfahrer stellten: „Fahren sie zum Fischmarkt?“. Nach dem 10. Pärchen mit dieser Frage hätte ich meine Sachen genommen, den Bus stehen lassen und wäre in die nächste Bar gegangen – Busfahrer wäre definitiv nicht meine erste Berufswahl! Doch dann geschieht etwas, was mich meine Meinung noch einmal überdenken lässt: Der Bus kann nicht zur Bushaltestelle abbiegen, weil ein Betrunkener im Weg steht. Während dieser winkt und Anzeichen macht, einsteigen zu wollen, zeigt der Fahrer erbarmen, öffnet die Türen und sagt: „Bruder, hier ist keine Haltestelle!“ – ich hörte nur ein „Achso“„Aber jetzt wo sie ja schonmal stehen, kann ich ja einsteigen.“ Klug ist er ja, das muss man zugeben. Zwei Haltestellen später allerdings scheint ihm seine Klugheit wieder verlassen zu haben: „EYYY! Ich hab gedrückt! Ich will hier aussteigen!“ Der Busfahrer muss selbst schon lachen und entgegnet daraufhin völlig cool: „Digga, wir stehen hier mitten auf der Straße, gleich kannst du aussteigen.“  – Dieser Tag kann einfach nur gut werden!

In Altona ohne weitere Zwischenfälle angekommen, mache ich mich über den Altonaer Balkon und Dockland (siehe Bilder, oben) auf zum Fischmarkt! Zu dieser ungewöhnlichen Zeit begegne ich lange keiner Menschenseele, doch desto näher ich dem Fischmarkt komme, desto voller werden auch die Straßen.

…Doch nicht nur die Straßen wurden voller, sondern auch die Musik lauter. Hier steppt der Bär! Ich kann kaum fassen was ich sehe: In der Fischauktionshalle war Remmidemmi! Eine Band spielt, während Menschen dazu tanzen und laut mitsingen. Ich bin mir nur noch nicht ganz sicher ob die Party erst anfing, oder sich dem Ende neigt. Wenn man sich an der Stimmung orientiert, würde ich zu letzterem tendieren, allerdings macht die Halle im Winter erst um 6 Uhr früh auf…

Ein wenig von der Stimmung in der Fischauktionshalle angesteckt, schlendere ich weiter Richtung Fischmarkt. Ich spüre sofort die besondere Atmosphäre von der mir jeder erzählt hat. Die Lage am Hafen, die frühe Uhrzeit und die vielen unterschiedlichen Marktstände zeichnen den Fischmarkt aus. Hier gibt es nicht nur Fischbrötchen und Kaffee zum Frühstück, sondern auch Lebensmittel, Kleidung, Haushaltswaren, Bier und Bratwürste. Je weiter ich mich durch den Markt kämpfe desto mehr Bekanntschaften mache ich. Ob Aale-Dieter, Bananen-Ulli, Käse-Rudi oder Wurst-Herby – ich kenne sie  jetzt alle! Nicht nur der Fischmarkt selbst, sondern eben auch die Markstschreier sind eine echte Hamburger Institution.

Morgens am Fischmarkt from Piarazzi on Vimeo.

 

Auf dem Heimweg laufe ich über den Park Fiction nach St. Pauli und entdecke an einer Hauswand ein berühmtes „In-Hamburg-sagt-man-Digga-Graffiti“ und realisiere, dass ich auch bereits von dem „Digga“ infiziert wurde…

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