An einem Tag um die Welt

Es ist Wochenende, 7:20 Uhr… Mein Wecker klingelt früher als unter der Woche, wenn ich zur Arbeit muss. Es ist noch dunkel während ich an der Haltestelle auf den Bus warte – ein perfekter Tag für eine Passiv-Weltreise en miniature, oder nicht? Bereits vorab im Internet habe ich das erste Zeitfenster (8:00 Uhr bis 9:00 Uhr) gebucht. Ab ins Miniatur Wunderland! 

Eher per Zufall entdecke ich das MiWuLa-Schild am Eingang vor dem Gebäude. Einen kurzen Augenblick frage ich mich, ob ich hier richtig bin. Mutterseelenallein schleiche ich die Treppen hinauf in den zweiten Stock. Ich durchquere einen Flur und schon stehe ich im Eingangsbereich, in dem bereits eine nette Dame an der Kasse auf mich wartet. Mit meinem Studentenrabatt bekomme ich sogar noch 10%.

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Von einigen habe ich mir immer wieder sagen lassen, wie toll das Miniatur Wunderland sein soll. So richtig interessiert habe ich mich dafür noch nie, doch jetzt wo ich in Hamburg für drei Monate mein Pflichtpraktikum absolviere, muss ich mir doch mal ein eigenes Bild davon machen. Los gehts!

Die ersten Vitrinen, die mich magisch anziehen, gehören zu der Sonderausstellung „Geschichte unserer Zivilisation“ (Von der Jungsteinzeit bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten). Sie sollten sich gleich noch als „Peanuts“ herausstellen – zumindest für diejenigen, die Superlative an Materialverbrauch messen. Auf je einem Quadratmeter wird hier deutsche Geschichte von der Steinzeit bis in die Gegenwart abgebildet. Es sind nur kleine Plastikfiguren, aber sie verkörpern den Lauf der Geschichte perfekt.

Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste ist, dass ich jetzt erst das „richtige“ Miniatur Wunderland betreten sollte, das seinen Namen absolut verdient. Ich bin so überwältigt, dass ich das „START“-Schild völlig übersehe und meinen Rundgang von hinten beginne.

Im ersten Raum wartet Bella Italia auf mich! Von Rom nach Venedig über Cinque Terre und die Amalfiküste nach Pompeji. Natürlich erkenne ich die Orte und Sehenswürdigkeiten sofort auf den ersten Blick – ich habe nämlich nicht nur in unseren jährlichen Italienurlauben gut aufgepasst, der Lateinunterricht hat auch einiges hinterlassen.

Sonne, Strand, Gebirge, historische Städte und architektonische Meisterwerke – alles da! Das Kolosseum und die „ewige Stadt“ mit dem Petersdom sind bereits von der Eingangstüre zu erkennen.

Darüber hinaus kann ich mal schnell – ohne die Speicherstadt zu verlassen – Sonne an der Amalfiküste tanken, den Wein in der Toskana genießen, durch die Berge in Südtirol wandern und zu guter Letzt: die untergegangene Stadt Pompeji entdecken!

Plötzlich gehen die Lichter aus und neben mir schreit ein Kind „PAPA SCHNELL! DER VULKAN!“. Ich stehe mal wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort (das kenne ich normalerweise nur, wenn mir mal wieder ein Vogel auf den Kopf kackt!). Mit dem kleinen Kind neben mir stehen wir gemeinsam mit großen Augen da und bestaunen den Vulkan Vesuv.

Nachdem Vesuv Pomeij unter seiner Lawa und Asche begrub, ließ ich Little Italy hinter mir und begebe mich noch völlig überwältigt in die Schweiz. Langsam gingen auch wieder die Lichter an.

Vorbei am Matterhorn, Brichur und der Schokoladenfabrik ging es für mich mit ca. 20.000 weiteren kleinen Konzertbesuchern zum DJ Bobo Open-Air-Konzert in Tessin! Das mit 154.340 € pro qm wohl teuerste Stück Bauland der Welt. Nach dem Konzert ging es hinauf zur mittelalterlichen Burg Castello die Montebello. Von hier hat man einen hervorragenden Blick hinüber zu Italien wie ein Drache seine Runden dreht! 

Langsam wird es Zeit auch der Schweiz lebe wohl zu sagen und in meine geliebte Heimat zu gehen: Bayern! Hier ist alles in Bewegung. Züge wuseln über die Platten, die fast den gesamten Speicherboden einnehmen, sogar in den Treppenstufen und im Fußboden sind Schienen verlegt! Kleine Autos und Flugzeuge fahren scheinbar völlig selbstständig.

Bei einer kleine Bootstour erkennt man schon von weitem das Schloss Neuschwanstein. Von dort oben hat man von der Tropfsteinhöhle bis zum Knuffingen Airport alles im Blick.

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Die Entdeckertour fängt hier erst richtig an! Mit Knuffingen fing im Jahr 2000 alles an. In der Fantasie-Stadt tobt das pralle Leben. Feuerwehrkräfte rasen zu ihrem Einsatzort, im Biergarten prostet man sich währenddessen unbeeindruckt zu. Am Airport erheben sich die Flugzeuge (gestützt von Metallstangen) in die Luft und verschwinden zu ohrenbetäubenden Maschinengeräuschen hinter dem Wolkenvorhang. Ich bin so fasziniert von dem Geschehen, dass ich eine geschlagene Stunde vor der Start- und Landebahn des Knuffingener Airports campiere.

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Irgendwann entdecke ich auch die Ankunft- und Abflugtafel und überlege wohin es für mich als nächstes wohl gehen könnte.

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In Österreich in St. Wendel warten Wanderer auf ihren Zug, die Seilbahn fährt auf die Alm und Kühe grasen auf der Wiese, eine ist sogar lila – es gibt sie also doch!

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Dann entdecke ist etwas, das mich auch schon bald an Pfingsten wieder erwarten wird: unser alljährlicher Radfahrurlaub in den Bergen. So manch anderer hat sich an den Serpentinen schon schwindelig geradelt.

Ich stolpere gerade wieder über den selben Vater mit seinem Sohn, die mich schon, seit Vesuv die Stadt Pompeji in Schutt und Asche gelegt hat durch das Miniatur Wunderland begleiten. Sie lächeln zu mir herüber und ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen – ich kenne das Prozedere spätestens seit Berlin: „Ja, ich bin allein unterwegs.“, sagte ich zu ihnen. Der kleine Junge entgegnete sofort „Jetzt nicht mehr!“ und so entdecken wir die restliche Ausstellung gemeinsam!

In Mitteldeutschland wartet Hermann, der Cherusker bereit auf uns (Original steht im Teutoburger Wald), sowie einige Badeseen, die große ICE-Brücke und Mount St. Pauli (in Erinnerung an die Erdbebenopfer auf Haiti).

Ups – und ich überrasche auch noch ein Pärchen im Sonnenblumenfeld!

Alle 15 Minuten setzt die Dämmerung ein, und das Wunderland verwandelt sich erneut in ein faszinierendes Lichtermeer – ein besonders beeindruckendes Schauspiel war die riesige Kirmes mit rund 30.000 Lichtern. 

Doch von weitem lockt mich etwas ganz anderes an: das Volksparkstadion in Hamburg! In echt nur 15 Minuten mit dem Auto von meiner Wohnung entfernt. Gerade spielt der Hamburger SV gegen St. Pauli und führt 2:1 – Ja, wir sind eindeutig in einer Phantasiewelt! Während ich den Schauplatz genau unter die Lupe nehme, philosophieren neben mir die zwei über die Zukunft des HSV.

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Die größte Dichte der skurrilen Geschichten bieten die Bürofenster der Elbphilharmonie: Ganz oben vergnügt sich der Geschäftsführer mit der Personalchefin, nebenan feiern zweifelhaft kostümierte Gestalten eine Fetisch-Party, ein Angestellter lebt einen Anfall von Zerstörungswut an seinem Rechner aus und eine Dame hat eine wilde Auseinandersetzung mit dem Kaffeeautomaten.

Mal schnell über die Köhlbrandbrücke, Hamburgs größte Brücke, und schon landen wir in Amerika! Genau genommen haben wir schnell den Jackpot in Las Vegas geknackt, haben uns am Strand von Miami gesonnt und den Abend im Autokino ausklingen lassen (was ich übrigens wirklich einmal gerne tun würde).

Wir begeben uns zu unserem nächsten Stopp: Skandinavien! Ein Leuchtrum thront majestätisch über den Oslo-Fjord. Die vielen kleinen Lichter glitzern in der Dunkelheit und spiegeln sich im Wasser. 

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Vorbei an einer funktionsfähigen Schleuse und der Nordostsee mit Echtwasser und Ebbe und Flut, geht es weiter hoch in den Norden.

Hier haben wir freie Sicht auf Lapplands Eisenerzmiene in Kiruna, ein schwedisches Winterwunderland und Pippi Langstrumpf vor der Villa Kunterbunt.
Hier ist es so kalt, da sitzen die Schneemänner sogar noch selbst am Steuer! 

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Ich frage die zwei „Und wo geht es jetzt lang?“, bis der Vater mir erklärte, dass wir bereits an der letzte Themenwelt angekommen seien. Sein Sohn antwortet „Schon?“ und ich dachte mir genau das gleiche! Diese vier Stunden haben sich definitiv nicht wie vier Stunden angefühlt! Ich könnte den ganzen Tag noch weiter schauen und entdecken!

Miniatur Wunderland from Piarazzi on Vimeo.

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