Warum Wiederkommen so schwierig ist

Zwei Jahre lebte und studierte ich in Palma de Mallorca. Meine Heimat, meine Familie und meine Freunde habe ich natürlich oft vermisst. Deshalb freute ich mich umso mehr auf meine Rückkehr nach Deutschland, allerdings musste ich feststellen, dass mein Wieder-Zuhause-Sein gemischte Gefühle in mir weckte.

Im Januar 2014 unterschrieb ich den Vertrag, der mein Leben für immer verändern sollte. Zu dem Zeitpunkt war mir noch nicht bewusst, worauf ich mich eigentlich eingelassen hatte. Erst ein halbes Jahr später im August als ich mein One-Way-Ticket buchte und meine Koffer packte, wurde mir langsam klar was mir bevorsteht. Ich ließ mein gewohntes Umfeld hinter mir um in Palma für die nächsten zwei Jahre ein neues Leben aufzubauen und viele neue Erfahrungen zu sammeln. Dieser Schritt verlangte eine gehörige Portion Mut von mir ab. Woher ich die nahm, weiß ich bis heute nicht. Wer mich kennt, weiß wovon ich spreche und hätte solch einen Entschluss wohl als letztes von mir erwartet. Doch eins habe ich damals noch nicht gewusst und habe dies erst in den letzten Wochen meines Auslandsaufenthalts lernen müssen, etwas das mindestens genauso viel Mut kostet: Zurückkommen.


Zwei wundervolle und unvergessliche Jahre. Ich durfte Erfahrungen und Erlebnisse sammeln, die ich immer in meinem Herzen tragen werde. Ich durfte Menschen kennen lernen, wo ich in dem ein oder anderen sogar Freunde fürs Leben gefunden habe. Diese Zeit war nun vorbei, weshalb ich selbstverständlich sehr traurig war. Doch je näher das Rückfahrdatum rückte, desto breiter machte sich die Vorfreude. Ich zählte die Tage bis zu meiner Rückkehr und malte mir oft aus wie es sein würde, wenn ich wieder Zuhause bin.

Wieder mit der ganzen Familie zusammen am Tisch sitzen und Mamas deutsche Küche genießen. Mit Papa und Bruder wieder gemeinsam um Schloss Seehof joggen. Mit meinen Freunden sich in der Stadt auf einen Cocktail treffen und quatschen. Ich wollte ihnen alles erzählen was ich erlebt hatte, wie es mir ergangen ist, meine Erfahrungen teilen. Das, was früher Normalität war und ich in Palma vermisst hatte, durfte ich nach meiner Rückkehr nochmal ganz neu erleben.
Kaum war ich heimgekommen, sehnte ich mich wieder nach der weiten Welt. Das obwohl ich mich so auf die Zeit in der Heimat gefreut hatte.

Es ist alles genauso wie immer und doch ist alles anders

Es ist im Grunde so offensichtlich: die Zeit ist nicht stehen geblieben als ich weg war. Es hat sich alles verändert. Ich war bei diesem Prozess nicht anwesend.
Nach der Schule sind die meisten auf irgendwelche Universitäten in Deutschland oder stürzten sich ins Arbeitsleben. Ich ging ins Ausland. Unsere Alltagsleben kreuzten sich nicht mehr, man verlor sich langsam aus den Augen. Falls ich mal für ein paar Tage im Jahr nach Deutschland kam, hatte keiner tatsächlich Zeit für mich. Die Wenigen mit denen ich durch die neueste Technik noch Kontakt halten konnte, minimierten sich auch von Monat zu Monat, in denen ich weg war.

Ich erzähle dir das alles, wenn du wieder da bist

Es fühlt sich so an, als wären sämtliche Veränderungen hinter meinem Rücken passiert. „Ich erzähle dir das alles, wenn du wieder da bist“, hieß es immer nur. Doch dazu kam es nie. Die Geschichte sei zu lang, man hat es vergessen, oder es sein nun nicht mehr wichtig. Selbst auf Nachfragen bei meiner Familie, ob es etwas Neues gibt, gab es nichts zu erzählen. Ich bekam nichts mehr mit und „plötzlich“ war alles anders.

Doch ich weiß, dass auch ich mich verändert habe. Der Moment, wenn du dich mit Menschen unterhältst, die sich seit Jahren nicht verändert hatten. Die solch eine Entscheidung wie meine nicht verstehen können. Die, mit ihren engstirnigen Einstellungen, die Ausländer für ihr schlechtes Deutsch kritisieren. Leicht zu sagen, wenn man selbst nie Ausländer war. Selbst zwei Jahre lang in einer fremden Kultur einen Platz zu finden und sich stets bemühen die Sprache zu lernen. Das sind Erfahrungen, die wohl nicht jeder machen kann, oder will.
Die Menschen in Spanien begegneten einem mit einer Weltoffenheit, mit der ich von nun an auch anderen begegnen möchte. Allgemein die Gewohnheiten, die ich kennen und lieben gelernt habe, möchte ich nun, nur weil ich wieder in Deutschland bin, nicht wieder ablegen.

Ich wurde erwachsen

Als ich wieder in meinem Kinderzimmer schlief, mir meine Eltern Vorschriften machten, ich wieder bei allem um Erlaubnis fragte und in alte Muster verfiel, fühlte ich mich, als würde mein Umfeld und sogar ich selbst meinen Reifungsprozess mit Füßen treten. Ich hatte den Eindruck, keiner würde sehen, wie sehr ich mich verändert hatte. Ich hatte im Ausland so viel gelernt: Ich hatte meine eigene Wohnung, ich musste selbst putzen und kochen, ich kam mit den öffentlichen Verkehrsmitteln überall hin. Ich traf meine eigenen Entscheidungen und war dafür auch selbst verantwortlich.

Die Menschen, die mir im Palma begegneten, hatten eins mit mir gemeinsam: das Fernweh. Wir teilten ein Lebensgefühl. Die Angst, die Zuversicht, die Nervosität, das Überwältigtsein vom Neuen. Wir alle wussten, wie sich das anfühlt und verstanden uns wohl genauso deshalb so gut. Hier sind Freundschaften entstanden, die mir genauso wichtig sind wie diese, die meine zwei Jahre Abstinenz überstanden haben. Denn hier habe ich erkannt, wer meine wahren Freunde sind: die, die übrig geblieben sind. Diese Freundschaften, die neuen und die neuentdeckten, die bleiben mir wohl für ein Leben lang.

Meine Familie habe ich so oder so für ein Leben lang, und dieser bin ich mindestens genauso dankbar! Ihr habt mich über die zwei Jahre so unterstützt und das Abenteuer Mallorca erst möglich gemacht. Danke euch dafür!

So langsam verstehe ich auch wovon die ganzen Reiselustigen sprechen: mich hat das Fieber gepackt. Mal schauen, in welches Abenteuer ich mich als nächstes stürze.

4 Kommentare

  1. Du hast keine Freunde verloren. Menschen die deine Freundschaft nicht wertschätzten, sind keine Freunde. Das Leben hat dich von Neidern und unnötigen Balast befreit, um dich denen zuzuwenden, die dich wirklich verdient haben.

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo Pia-Sophie 💁🏻
    Du bist in den 2 Jahren gereift. Aus deinen berichten kann man das erkennen. Das ist auch gut so. Mach weiter so! Wir unterstützen dich .
    Die Welt wird sich weiter drehen, du wirst dich weiter entwickeln!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s